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Thema des Kongresses

Vom 26. – 28. März 2014 veranstaltet der Internationale Forschungsverbund Europäische Kulturen – europäische Identität einen Kongress zum Thema Ein europäischer Literaturkanon?

 

Ein europäischer Literaturkanon?

Plakat 2014

Wenn jede Nationalliteratur ihren eigenen Literaturkanon besitzt und über ein Pantheon klassischer Autoren verfügt, dann ist die Existenz eines europäischen Kanons durchaus problematisch.

Die Kanonisierung von Literatur auf nationaler Ebene basiert auf vielfältigen Voraussetzungen: der Existenz einer oder mehrerer für die Autorisierung eines Kanons qualifizierter Institutionen wie Schulsystem, Akademien oder politischen Entscheidungsstellen; der Bildung eines oder mehrerer für die Kanonisierung kompetenter Teams von Spezialisten; der Existenz von Werten, nicht allein literarischer, sondern auch moralischer und politischer, die die Kanonisierung begründen; der Erhebung der Literatur in den Rang einer sakralen, geweihten und somit quasi religiösen Tätigkeit, die ihr eine auf die Gemeinschaft bezogene gesellschaftliche Rolle verleiht; schließlich der Etablierung von Kanonisierungsritualen, wie sie etwa die Aufnahme in Programme, die Berufung auf ein Kulturerbe oder auch die feierliche staatliche Weihe an einem institutionalisierten Erinnerungsort darstellen.

Man sieht sofort, dass jeder dieser Ansätze mehr Fragen aufwirft, als er löst. Tatsächlich wechseln die Spezialisten von einem Jahrhundert zum nächsten, je nachdem, ob man sie, wie im 16. Jahrhundert, als eine Gelehrtengemeinschaft begreift oder, wie in dem aus der deutschen Romantik hervorgegangenen Universitätssystem, als einen Autorität darstellenden Lehrkörper; je nachdem, ob man sie als einen elitären Kreis von Gelehrten oder als eine demokratische Gemeinschaft sieht. Auch die Werte wandeln sich: Sind sie im 16. Jahrhundert aristokratisch und humanistisch, zeigen sie im 19. Jahrhundert, im Gefolge der Aufklärung Kants, republikanische, nationenbezogene und moralische Züge. Die Fragestellung nach Europa zu verlegen, löst diese Fragen nicht. Im Gegenteil wachsen dadurch die Schwierigkeiten, ohne dass man die Existenz eines europäischen Kanons verneinen kann. Dieser variiert offensichtlich von Jahrhundert zu Jahrhundert: So unterscheidet sich der Kanon der Gelehrten des 16. von dem des 20. Jahrhunderts, ohne dass man diese Unterschiede allein auf die Rückbindung an die griechisch-lateinische Kultur reduzieren kann.

Das geplante Kolloquium, das diese Fragen umkreisen soll, versammelt französische, englische, spanische, italienische, polnische, deutsche und schweizerische Forscher und verdankt sich dem Vorhaben, den europäischen Literaturkanon sowie den Kanon der europäischen Sprachen in ihrem historischen Wandel nachzuzeichnen und ihre Gründungsprinzipien zu hinterfragen. Jeder der mit den folgenden Leitfragen angedeuteten Zugänge kann Gegenstand einer Problematisierung sein, die mit einer monographischen Erörterung allein nicht zu erfassen wären.

  1. Was ist ein europäischer Literaturkanon? Stimmen z.B. der Kanon und die Karte Europas überein?
  2. Was ist der europäische Sprachenkanon?
  3. Welche Institutionen und Körperschaften wurden auf nationaler oder internationaler Ebene gegründet, um diese europäischen Kanons zu etablieren?
  4. Kann ein europäischer Literaturkanon für Europa Geltung haben oder ist er nur die Projektion der Idee, die sich eine Nation, welche es auch sei, von Europa macht? Kann es einen europäischen Kanon ohne eine Nation geben, die ihn denkt? Warum soll man angesichts der entstehenden Weltliteratur über einen europäischen Kanon diskutieren?
  5. Welche Werte liegen den literarischen und sprachlichen Kanons zugrunde?
  6. Welche Bewertungsverfahren dieser Kanons gelten auf nationaler und auf internationaler, d.h. europäischer Ebene?
  7. Welcher Stellenwert wird einem europäischen Literaturkanon innerhalb des Gedankens einer europäischen Identität durch Schriftsteller, Kritiker und Politiker beigemessen? 

Ohne auf Vollständigkeit zu zielen, verweisen diese Fragen auf die Aktualität einer Problemstellung, in der Nationalismus und europäischer Geist sowie die durch die Globalisierung gewachsene Skepsis gegenüber kulturellen Identitäten aufeinandertreffen. Soll man sich überhaupt noch über einen möglichen europäischen Kanon verständigen, wenn die Digitalisierung, von Presse und Verlagswesen vermittelt, den schlechtesten literarischen Texten ein weltweites Publikum verschafft?

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